Internet-Routing in Deutschland
Die hier dargestellten Informationen sind der Newsgroup de.comm.internet entnommen, in der ich eine Diskussion darüber angefangen habe.
"In 8 Sekunden um die Welt" ist für Demonstrationen des Internet vielleicht ganz spaßig, aber für den Alltag nicht geeignet. Das ist doch echt zum Mäusemelken.
Das Routing im Deutschen Internet sieht zur Zeit (Stand: 10.4.95) ziemlich kraß aus. Da schießen praktisch wöchentlich neue Provider aus dem Boden und immer mehr Adressen werden vergeben. Die neuen Provider (z.B. GTN, MAZ) sind aber (noch) nicht in der Lage, sinnvoll im Internet zu routen.
Internet für die Provider
Tja, wie definieren diese das Internet? Schauen wir uns mal deren Anbindung an. Da wird alles über VA.Alter.Net geroutet. Das liegt aber in New York, belastet also die Überseeleitungen.
Da wird unsereins klar gemacht, "Leute, nehmt deutsche Systeme, spart internationalen Traffic, der ist der teure!" Und was machen die neuen Provider? Haben eine .de Adresse und lassen über Amiland routen. Die bekommen es nicht auf die Reihe, sich in Deutschland einen sinnvollen Weg mit dem WiN - und womöglich anderen Providern - auszudenken.
Das WiN ist/war hier nun mal das größte Netz und darüber wurde eine Zeitlang das Internet ausschließlich geroutet. Mit seinen Leitungen bis zu 2MBit/s oder gar noch mehr ist es auch viel schneller (kann viel schneller sein) als die vielen ISDN-Leitungen der einzelnen PoPs/ISCs untereinander. Da müssen Übergänge hin!
Ist das nun Absicht? Oder konstante Bosheit? Nein, die neuen Provider versuchen, in Deutschland Übergänge zu schaffen. Aber die Gesamtheit der deutschen Anbieter haben sich bisher noch nicht auf Verbindungen untereinander haben einigen können. Dementsprechend realisiert jeder seinen Anschluß in's Internet in den USA oder bei anderen Providern die auf dem Weg dorthin liegen.
Zunächst einmal ist es eigentlich völlig egal, wie geroutet wird, wenn einerseits gute Performance und andererseits keine geografischen Preise genommen werden (MAZ macht das z.B. so). Leider gibt es immer noch Provider mit geografischen Preisen (z.B. Eunet). Das ist dann in der Tat Unsinn. Weil MAZ, CompuServe, IBM Teilnehmer aus Berlin über ihre z.T. zentralistischen Strukturen routen, muß ich in Berlin als Eunet Kunde Auslandstarif im selben Dorf bezahlen. Man könnte sich fast fragen, ob das juristisch haltbar ist.
Und überhaupt: Für jemand er pauschale Preise nimmt, ist nicht die Frage des Routweges, sondern des Durchsatzes interessant. Und wenn mein Durchsatz via USA zu den 2 Mbps-Unis in Deutschland einfach schneller ist, als wenn ich das Nadelöhr bei XLink/Eunet zum WiN verwende, dann ist das für mich wichtig.
Weltweit gibt es dafür den CIX (Commercial Internet Exchange). Ein Deutsches Äquivalent scheint in der Planung zu sein. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was da rauskommt. Zumindest Eunet, MAZ und Xlink planen einen DE-CIX aufzubauen. Dann wird deren innerdeutscher Verkehr innerdeutsch geroutet. Mir wäre eigentlich auch sehr daran gelegen, dies auch auf regionaler Ebene in Ballungszentren zu machen (nicht wegen Preis, sondern wegen Performance).
Routing
Das Interesse der Firmen, die in Deutschland am Internet teilnehmen, beschränkt sich mit Sicherheit nicht auf den US-amerikanischen Teil. Solange es in Deutschland zwei große Provider und das WiN gab, gab es diese Probleme nicht. Erst mit dem explosionsartigen Wachstum und den neuen Providern traten Probleme auf, an deren Lösung jetzt gerade gearbeitet wird. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen. Aber zweifelsfrei ist das Internet momentan zu stark US-lastig...
Was hilft denn den Kunden eine tolle Leitung nach Amiland, wenn sie nach Deuschland, z.B. 15km weiter, erst einmal um die ganze Welt geroutet werden, mit mit entsprechenden Verzögerungen und womöglich auch Timeouts natürlich.
Man nehme einmal Kiel mit den 5 Standleitungen in die weite Welt als provinzielles Beispiel für das Problem:
+------+ +-------+ +----------+
| FH | | Uni | | Toppoint |
+------+ +-------+ +----------+
^ ^ ^ ^
| | | |
| v | |
+------------>(WiN)<--------------+ |
^ ^ |
| | v
+-------+ | | +--------+
| CLS | | | | NetUSE |
+-------+ | | +--------+
^ | +-----------+ ^
| | | |
v v v |
(MAZ)<---->(Alternet)<---->(EUnet)<--+
Natürlich ließe sich die interne Situation durch lokales Routing verbessern. Doch das funktioniert zum Beispiel nur dann, wenn wirklich beide Partner ein Interesse daran haben und die Finanzierung geklärt ist (Bsp.: Toppoint <-> NetUSE). Die Uni hat auf entsprechende Nachfragen bisher stets abgeblockt, möchte eine solche Lösung also schon einmal nicht. Diesbezüglichen Kontakt zwischen CLS, Toppoint, FH und NetUSE hat es meines Wissens noch nicht gegeben und wird es wohl auch (leider?) nicht geben, bis sich Situationen herausstellen, die für jeweils beide Teile einer solchen Direktverbindung vorteilhaft oder anders nicht lösbar sind. Doch neben allem guten Willen muß das ganze auch wirtschaftlichen Überlegungen standhalten. Nur zum Spaß betreibt wohl keine der fünf Institutionen Ihre Leitungen, da wird mit spitzem Stift gerechnet. In anderen Städten dürfte die Situation nicht anders sein. Tja, sobald Geld im Spiel ist, ist der Internetgedanke futsch.
Von EuNet war ferner zu hören, daß sie Traffic zu MAZ nicht mehr als internetionalen, sondern als nationalen abrechnen. Das ist aber noch lange kein DE-CIX.
Einige Absätze stammen teilweise von: Martin Schulze, Martin Spott, Wolfgang Ksoll, Oliver Fink, Frank Simon, Heiko Schlichting
Und hier ist es noch in verschärfter Form, von Winfried Haug.
Irgendwann in 1995