CeBIT '99 - Eine Linux-Messe?
| Die diesjährige CeBIT stand sichtbar im Zeichen der Pinguine. Wo man auch hinsah, standen oder saßen die Pinguine. Man konnte fast meinen, daß man sich auf einer großen Linux-Messe befände. Die Hinweisschilder haben einen jedoch zurück auf den Boden der Tatsachen geholt: Es war tatsächlich die CeBIT '99 in Hannover. |
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Gleich zu Beginn der Messe gaben vier große Firmen bekannt, daß sie Linux offiziell unterstützen: IBM, HP, Siemens und SAP. Damit haben sie ein deutliches Zeichen gesetzt und Linux den Einzug in den High-End Profibereich erleichtert. HP und IBM hatten bereits auf der Linux World Expo in San Jose verlauten lassen, daß sie sich mit Linux beschäftigen.
Linux war das Thema Nummer eins auf der gesamten CeBIT. An vielen Ständen konnte man Schlagworte lesen wie "jetzt auch für Linux" oder "Linux-Version erhältlich". Selbst wenn am Stand nichts von Linux zu lesen war, so bekam man oftmals auf Anfragen die Antwort, daß an der Linux-Version bereits gearbeitet werde.
Ausbrüche aus dieser Euphorie lieferten jedoch einige Hardware-Hersteller, die partout nicht die technischen Informationen zu ihren Produkten herausgeben. Während ATI noch stolz verkündet, daß ihre Grafikkarten von XFree86 unterstützt würden (sie jedoch auch nicht die Specs zu den neuen 3D-Karten herausgeben), sah es auf den Nachbarständen von Logitech und Creative schon wieder mau aus. Auf Videokameras von Logitech oder Creative Labs wird man auf nicht Windows-Systemen vorerst noch verzichten müssen.
Während die meisten Stände gemäß der angepriesenen Produkte normal besucht waren, gab es in einigen Hallen Stände, um die große Menschentrauben standen. Das waren die Stände von Firmen, die sich ausschließlich mit Linux befassen (wie S.u.S.E., RedHat, Linux-Magazin etc.). Wie vorauszusehen war, wurden sie fast dauerhaft von Interessenten belagert.
SAP R/3 nun doch für Linux
Seit knapp zwei Jahren kursieren in Entwicklerkreisen Gerüchte, daß die SAP AG intern bereits einsetze. Demzufolge werde das R/3-System bzw. Teile dessen auf Linux entwickelt und erst zum Schluß auf die Zielplattform portiert. Ärgerlich war bislang jedoch, daß es offiziell keine Unterstützung für Linux gäbe. Was von diesem Gerücht letztendlich zu halten ist, sei dahingestellt.
Factum ist jedoch, daß die SAP AG auf der CeBIT bekanntgab, daß sie R/3 auch für intel-basierte Linux-Systeme ausliefern und damit der steigenden Nachfrage an Linux-Solutions Rechnung tragen werde. Zusammen mit ihren Hardware-Partnern HP, IBM, Siemens und Compaq werden komplette Systeme zusammengestellt. "Angesichts des Interesses des Marktes an Linux, der soliden technischen Grundlage des Systems [..] ist es konsequent, unser Produkt auch für Linux anzubieten", erklärte Karl-Heinz Hess, Mitglied der Geschäftsleitung der SAP AG.
IBM setzt 1000 Leute auf Linux an
IBM gab auf ihrer Pressekonferenz bekannt, daß 1000 Mitarbeiter mit Linux betraut würden. Diese Zahl bezieht sich auf das gesamte Unternehmen, nicht nur auf die Deutsche Tochter. Nach Aussagen von IBM werde es sich dabei zu einem Großteil um Neueinstellungen handeln. In welchem Maße sich die Mitarbeiter auf Deutsche Standorte verteilen und zu welchen Anteilen sie sich auf die verschiedenen Projekte aufteilen, war nicht zu erfahren. In Böblingen sei jedoch bereits ein Linux-Labor aufgebaut.
Ein wichtiger Teil dieser Unterstützung bezieht sich auf kommerziellen Support für vier ausgewählte Distributionen: S.u.S.E., Caldera, Redhat und Pacific HiTech. Das Argument, Linux nicht einsetzen zu können, da kein professioneller Support zu bekommen sei, ist damit hoffentlich endgültig entkräftet.
Daneben portiert IBM den mit Lotus aufgekauften Groupware-Server Domino auf Linux bzw. hat dieses Projekt fast abgeschlossen. Man darf wohl davon ausgehen, daß ein Domino-Client im Laufe des Jahres folgen wird. Die Datenbank DB2 UDB ist bereits portiert und durchläuft zur Zeit den Beta-Test. Interessierte sahen sie bereits auf der Messe in Aktion.
Der gestiegenen Nachfrage nach Linux wird IBM auch dadurch gerecht, daß die Netfinity Server (Pentium/Xeon-basiert) wahlweise mit Linux ausgeliefert werden. Auf der Messe konnte man sie bereits besichtigen - mit SAP R/3-Anwendung unter Linux.
Abgerundet wird die Linux-Orientierung durch die RS/6000er Serie. Gemeinsam mit Linux-Entwicklern wird der Kernel auf die Rechner angepaßt. Die RS/6000-Maschinen basieren auf PowerPC-Prozessoren (meist 604 oder Power3). Die kleineren Maschinen werden bereits wie herkömmliche PowerPC-Systeme (CHRP, PReP) von Linux unterstützt.
Die großen RS/6000-Systeme werden mit bis zu 512 Prozessoren und Mehrwege-SMP ausgeliefert. Massiv-Parallel-Processing (MPP) wird von Linux bisher noch nicht unterstützt und wir dürfen gespannt sein, ob und wann der Linux-Kernel dafür erweitert wird. In Zukunft werden diese Rechner je nach Kundenwunsch wie bisher mit AIX oder mit Linux ausgeliefert.
Linux auf HP PA-RISC Rechnern
Auch HP ließ es sich nicht nehmen, auf den Zug aufzuspringen und Linux offiziell zu unterstützen. HP Netserver (teilweise mit High-Availability Option) sind wahlweise mit Linux verfügbar (bisher NT). Vorgeführt wurde auch hier die Kombination mit Linux und SAP R/3 Anwendung.
Die HP Precision Architecture-Familie (HPPA bzw. PA-RISC) war in den Achtzigern eine der ersten kommerziellen RISC-basierten Plattformen, die im Computerbereich Akzeptanz fanden. Entwickelt wurde der Prozessor sowohl für den Server- als auch für den Workstation-Bereich im professionellen Umfeld. Man findet sie oft z.B. in Rechenzentren und im universitären Umfeld.
Auf der Linux World Expo in San Jose haben sich bereits Linux- und HP-Entwickler getroffen und Ideen ausgetauscht. Auf der CeBIT bestätigte HP nun, daß sie Linux auf Maschinen mit PA-RISC-Prozessor portiere. Ein Teil der Portierung von Linux wurde inoffiziell von einigen Mitarbeitern durchgeführt, noch bevor er von HP offiziell angegangen wurde. So konnte auf der Messe zwar noch kein vollständiges System präsentiert werden, jedoch ein bootender Kernel auf einem "Ungetüm" von Rechner.