Stachel: Der Tiger und die Eule

Eine moderne Fabel

Es war einmal eine sehr alte Stadt, die hatte viel Verkehr in der Innenstadt: Bahnverkehr, Busverkehr, Taxiverkehr, Autoverkehr, Fahrradverkehr, ...

Und die Stadt liebte Sterne, doch die waren so weit weg und unerreichbar, und sie liebte Märchen, zum Beispiel das von den Sterntalern. Und die Stadt wollte den Verkehr bündeln so daß alles an einem Ort zusammenfließe, von allen Seiten. Das sieht dann aus wie ein Stern und diese Vorstellung gefiel der Stadt sehr. Endlich ein Stern, greifbar nah. Und fortan setzte die Stadt alles daran, daß Sterntaler fielen, um ihren eigenen Stern zu bezahlen. Und es wurde der Stadt gesagt, daß Sterntaler fallen würden. Die Stadt mußte zwar einen großen Anteil selbst bezahlen, aber allein die Vorstellung an einen eigenen Stern ließ sie Kraft schöpfen und so suchte sie Möglichkeiten, den Bürgern hier und da Geld abzuzwacken. Und es fielen Sternschnuppen und die Stadt war froh und die Bürger? Tja, ... die wurden nicht gefragt.

Die Stadt plante ihren Stern und suchte Platz. Und sie fand eine passende Stelle. Der neue Stern sollte nördlich vom Bahnhof gebaut werden. Und der Stern sollte attraktiv werden: mit Parkhaus, Fahrradstation und schneller Verbindung zur Innenstadt und ihren Einkaufszentren.

Und eine alte Frau, deBang, besaß ein Grundstück ungefähr dort, wo die Stadt ihren Stern bauen wollte. DeBang war früher nicht so geschäftstüchtig gewesen, aber in letzter Zeit sehr erfolgreich und hier witterte sie ein gutes Geschäft. Sie kam auf die Idee, dieses Grundstück zu verkaufen oder zu verpachten. Es lag ja so günstig, daß es ein prima Platz für ein Hotel oder ein Einkaufszentrum wäre. Nur, solange die Bäume auf dem Gelände standen, war es praktisch wertlos.

Eine schlaue Eule flog zur Stadt und berichtete von dem drohenden Unheil, daß nämlich deBang die Bäume abhacken wollte. Und die Eule erzählte weiter, daß das Grundstück mit den Bäumen viel weniger wert und für den neuen Stern durchaus von Interesse sei. Da kam ein Rabe angeflogen und auch von Raben erzählt man sich, daß sie sehr schlau sind. Dieser Rabe meinte, daß deBang nur mit einer Baumschutzsatzung aufzuhalten sei, die die Stadt aber nicht habe. Die Stadt erwiederte, daß man mit der alten Frau reden werde, auf sie müsse sie ja hören, schließlich sei sie ja viel älter als deBang.

Und so ging am nächsten Tag ein Tiger zu deBang und besuchte sie. Die Spatzen pfiffen es bereits von den Dächern: "Für das Grundstück werden schon 2 Millionen Taler geboten, wenn die Bäume weg sind." Der Tiger hörte dieses nicht und lief weiter. Bei deBang tranken sie erst einmal einen leckeren Tee und redeten über dies und das. Zum Schluß versprach deBang, keine Baeume zu fällen. Da war der Tiger glücklich, wünschte deBang noch ein langes Leben und ging wieder nach Hause.

Aber deBang war schon alt, zwar längst nicht so alt wie die Stadt, aber doch schon so alt, daß sie vieles einfach vergaß. Und so vergaß sie schon nach wenigen Tagen, was sie dem Tiger versprochen hatte. Und sie plante, wie sie am meisten Profit aus dem Grundstück schlagen konnte und sie wußte, daß sie die Bäume umhauen mußte. Und so lud sie die freundlichen Biber zum Frühstück ein und bat sie, die Bäume zu fällen. Für die Biber war das ein sehr schmackhaftes Frühstück, denn das waren fast alles noch gesunde Bäume, und so lagen die Bäume schon schnell auf dem Boden, noch bevor die Stadt das überhaupt mitbekommen hat.

Die Eule sah das und erschrak. Fast wäre sie mitten im Flug wie ein Stein heruntergeplumpst. "Hatte deBang nicht vor einigen Tagen versprochen, die Bäume nicht zu fällen?", fragte sie sich, "Sehe ich schon Gespenster?" Sie raffte sich wieder auf und flog zur Stadt, um ihre Entdeckung kund zu tun. Die Stadt erschrak auch sogleich und wollte deBang zur Rechenschaft ziehen.

Und so zog der Tiger erneut los, um deBang einen Besuch abzustatten. Bei deBang angekommen fragte er auch sofort, wäre die Bäume denn gefällt wurden. Da anwortete deBang, daß dieses doch so abgesprochen war. Wenn der Tiger das wirklich hätte verhindern wollen, dann bräuchte er schon eine Baumschutzsatzung. Und deBang lachte und verhöhnte den zahnlosen Tiger. Dann habe er halt Pech gehabt, ohne Baumschutzsatzung. Bevor der Tiger wieder von dannen zog, rief er noch, daß deBang nun viele neue Bäume pflanzen müsse. "Jaja", antwortete deBang mit einem hämischen Grinsen im Gesicht und ließ den Tiger wie einen begossenen Pudel stehen.

Betrübt lief der Tiger duch die Straßen und traf auf den Raben, dem er auch gleich von seinem Treffen mit deBang erzählte. Da meinte der Rabe, daß er ja schon vor langer Zeit gesagt habe, daß sie eine Baumschutzsatzung bräuchten. Der Tiger erzählte auch, daß deBang jetzt neue Bäume pflanzen muß. Da fiel dem Raben ein, daß deBang die Bäume nur pflanzen müsse, wenn deBang das Gelände auch gehöre. Aber deBang wollte es doch verkaufen, das pfeiffen ja sogar die Spatzen von den Dächern. Dem Tiger schwante Schlimmes.

Und es kam, wie es kommen mußte, deBang verkaufte das Grundstück und erziehlte einen guten Preis. Auf dem Platz, wo früher einmal Bäume wuchsten, steht jetzt ein großes Hotel mit Einkaufspassage. Für Bäume war kein Platz mehr.

Und die Moral von der Geschicht, Städte ohne Baumschutzsatzung beißen nicht.

Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Begebenheiten sind nicht zufällig, sondern unvermeidlich.

mgs
Quelle: Oldenburger Stachel 4/95