Stachel: Der Zensur auf der Spur
Presse verhindert Geschichtsfäschung
In Bayern scheint ein erneuter Skandal abgewendet zu sein. Der Presse ist es wohl zu verdanken, daß in einem bereits aus dem Handel genommenen Geschichtsbuch nun doch keine Geschichtsfälschung betrieben werde.
Die Wogen schlugen hoch und weit in der letzten Woche. Aus Bayern kündigte sich ein Skandal ohne Gleichen an. Ein Geschichtsbuch wurde wieder zurückgezogen, um die Geschichte zu beschönigen. Hier auf dem platten Land bekam man darüber kaum etwas mit, aber Stachel-Redakteure sind überall und haben keine Mühen und Kosten gescheut und sind der Sache nachgegangen.
Wie Phönix aus der Asche ist Max Streibl's Amigo Affäre wieder aufgetaucht. Eigentlich war die Amigo Affäre vor eineinhalb Jahren mit dem Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Streibl beendet und geriet so langsam in Vergessenheit. Man erwartete sie nur noch in Geschichtsbüchern.
Und genau da ist sie auch wieder aufgetaucht. In Bayern sollte das Geschichtsbuch "Die Geschichte des modernen Bayern im 19. und 20. Jahrhundert" erscheinen. Doch diesem Buch war nur kurzes Glück beschieden. Die Landeszentrale für politische Bildung, die das Buch auch herausgegeben hat, zog es wieder zurück. Auch aus dem Buchhandel wurde es wieder komplett eingezogen.
Stein des Anstoßes
Stein bzw. Seiten des Anstoßes war ein Abschnitt über die Amigo Affäre des zurückgetretenen Ministerpräsidenten Max Streibl. Wie uns versichert wurde, handele es sich dabei um eine sehr 'neutrale' Darstellung. Doch dieses dunkle Kapitel bayerischer Geschichte scheint längst noch nicht verdaut zu sein, denn jemand, der irgendwo in der bayerischen Staatskanzelei oder -regierung zu suchen ist, hat eine weitere Verbreitung des Buches untersagt und eine Rückholaktion eingeleitet. Es war uns leider bisher nicht möglich herauszufinden, wer denn hier Geschichtsfälschung betreiben wollte.
Soweit ist es noch ganz einfach zu verstehen. Doch die Schwierigkeiten fangen jetzt erst an. Es gab nämlich unterschiedliche Dementis von verschiedenen Seiten, die sich selbst und gegenseitig widersprachen. Viele Informationen haben wir uns mühsam erkämpfen müssen und dann hat auch noch der Fax-Empfang ausgesetzt (der Redakteur ist nur knapp einer Herz-Atacke entkommen; wer will die Urlaubsvertretung übernehmen?, d. Setzer).
"Das Buch wird auf keinen Fall zurückgezogen"
Zürst wurde natürlich dementiert, daß das Buch zurückgezogen wurde. Auf unsere Anfrage beim Verlag, ob uns ein denn ein Exemplar zugeschickt werden könne (schließlich wurde es ja doch nicht eingezogen...), wußte die Gegenseite plötzlich ganz schnell, daß die Bücher nicht mehr im Haus seien. Aber wo sind sie denn dann? Ja, das hätten wir nicht fragen dürfen. Ein Großteil befindet sich nämlich bei der 'Staatskanzlei'. Was machen die Bücher denn da?
Die Landeszentrale gab parallel dazu zu verstehen, daß die Ergebnisse der Landtags- und Bundestagswahlen 'unbedingt' noch im Buch erscheinen müssen. Dazu werde man wohl zwei Seiten heraustrennen und durch andere ersetzen. Es ist bestimmt purer Zufall, daß damit die Seiten betroffen wären, die die Beschreibung der Amigo Affäre enthielten. Die Landeszentrale begründete diesen Schritt mit dem Wunsch an erhöhter Aktualität (soll nicht vielleicht die nächste Landtagswahl auch noch abgewartet werden? Oder die nächste Europawahl? d. Tipper).
Wem untersteht eigentlich die Landeszentrale für politische Bildung? Ach nee, der Staatskanzlei - so ein Zufall aber auch. Jetzt ist also klar, weshalb die Landeszentrale so handelt wie sie handelt. Sie ist ja eine überparteiliche Einrichtung...
Und wem untersteht die Staatskanzlei? Richtig - der bayerischen Landes... pardon Staatsregierung. Und jetzt mag sich jeder selbst ein Urteil darüber bilden, wer dise Aktion wohl ausgelöst hat. Die SPD fordert unterdessen Aufklärung darüber.
Was sagt der Autor dazu?
Gespräche mit dem Autor der inkriminierten Seiten Dr. Peter Kock ergaben, daß der zuständige Referent der Landeszentrale ihm zu verstehen gegben habe, daß er inhaltliche Änderungen vorzunehmen habe. Durch den Pressewirbel und den vielen Anrufen bei entsprechenden Stellen in Bayern, habe die erschreckte Landeszentrale ihm jetzt gesagt, daß die Passage doch so bleiben soll wie sie ist. Kock ist sauer, er lasse sich doch nicht an der Nase herumführen.
Der CSU-Generalsekretär Erwin Huber, der auch Chef der bayerischen Staatskanzlei ist, wies indes einen Verdacht zurück, daß die Amigo Affäre im nachhinein geschönt werden solle. "Hier eine Aktion zur Geschichtsfälschung zu vermuten, ist völliger Unsinn." Allerdings sehen wir - und sicher genauso auch viele andere Journalisten - die Sache ein wenig anders.
Zensur war doch geplant
Der Direktor der Landeszentrale, Heinrich Wackerbauer, gab unterdessen zu verstehen, daß die Seiten jetzt auf keinen Fall herausgetrennt werden, "schon deswegen nicht, um dem Vorwurf zu entgehen, daß wir als überparteiliche Einrichtung auf Druck von außen reagieren." (machen Journalisten keinen Druck von außen? d. Tipper) Stattdessen werde es nun ein Einlegeblatt mit den Ergebnissen der beiden Wahlen und einiger kommentierender Worte geben. Die Beschreibung der Amigo Affäre wäre also eventuell gerettet. Widerwillig gab Wackerbauer aber zu, daß man tatsächlich einen Teil dieses Abschnittes habe streichen wollen.