Unicum: Jenseits der Stille

Echte Gefühle im falschen Schnee

Interview mit Caroline Link zu "Jenseits der Stille"

Für ihren Abschlußfilm an der Münchner Filmhochschule ("Sommertage") bekam sie einen Förderpreis; jetzt präsentiert Caroline Link, 32, ihr Kinodebüt - und fährt höchstes Lob ein. In "Jenseits der Stille", dem wohl besten deutschen Film des Jahres, geht es um die Geschichte eines Mädchens, das bei seinen taubstummen Eltern aufwächst. Klingt wie Kitsch, kommt aber überraschend sensibel daher. Mit der Jung-Regisseurin sprach UNICUM-Mitarbeiter Dieter Oßwald.

UNICUM: Wie kommt man auf ein Thema wie Gehörlosigkeit?
Link: Das eigentliche Thema ist ein Vater-Tochter-Verhältnis, eine Geschichte ums Erwachsenwerden und darüber, wie schwer es ist, seinen eigenen Weg zu finden und ihn auch zu gehen.

UNICUM: Bei so einem Thema ist die Grenze zwischen Sensibilität und Sentimentalität nicht einfach ...
Link: Mir war wichtig, daß die Gefühle nicht konstruiert erscheinen. Ich will die Zuschauer nicht zum Weinen bringen, sondern vertraue in meine Schauspieler. Oft genug gab es Momente, wo wir Szenen betont reduziert gespielt und inszeniert haben. Schon bei der Besetzung war mir wichtig, das "Süßliche" zu brechen: also keine 18jährige mit Rehaugen, sondern eigenwillige, sperrige Typen mit einem eigenen Gesicht.

UNICUM: Gehörlosen-Drama klingt nach Problemfilm ...
Link: Natürlich geht es auch um "Probleme", aber das heißt nicht, daß man daraus keinen spannenden Film machen kann. Ich wollte die Eltern nicht als die armen Gehörlosen darstellen, sondern als Persönlichkeiten mit ihren ganz eigenen Problemen - mit ihren Freuden und ihrem Humor. Dasselbe gilt für die Kinder.

UNICUM: Auffallend sind eindrucksvolle Bilder für die Geschichte - das sieht nach reichlich Aufwand aus?
Link: Unser Kameramann Gernot Roll arbeitet sehr schnell. Er hat oft bei Filmen mitgemacht, wo man statt aufs Budget auf Phantasie setzen mußte. Zum Beispiel in jener Szene, wo die Stadt eingeschneit wird. Statt auf Spezialeffekte hat Gernot auf die Freiwillige Feuerwehr gesetzt, mit deren Löschschaum wir mitten im Sommer eine überzeugende Winterlandschaft hergestellt haben.

"Ich liebe Happy-Ends"

UNICUM: Ihr Film wird von einem großen Verleih ins Kino gebracht - fühlt man sich da vermarktet?
Link: Christoph Ott von Buena Vista kenne ich seit der Filmhochschule. Er sah sich den Rohschnitt an und sagte, er würde den Film gerne verleihen. Für mich war es faszinierend, mit 20 Marketing-Experten zu überlegen, wie das Ding auf den Markt zu powern ist, und vor fünf Jahren hatten wir Probleme, überhaupt Geld aufzutreiben. Es gibt derzeit eine Aufbruchstimmung im deutschen Film.

UNICUM: Manche finden das Happy-End ein wenig zu happy ...
Link: Ich liebe Happy-Ends. Wobei das hier aber ein offenes Ende ist: Vater und Tochter werden ihre eigenen Wege gehen.

UNICUM: Wie sieht's mit dem privaten Happy End aus: Hoffnungen auf einen Oscar?
Link: Das können wir ausprobieren. Jetzt ist ja der "Totmacher" vorgelegt worden. Aber vielleicht nächstes Jahr, wer weiß. Der Film lief in San Francisco und Los Angeles auf den Festivals und sorgte für großes Interesse. US-Verleiher haben sich den Film angeschaut - mal sehen, was daraus wird ...

Dieter Oßwald
Quelle: Unicum